Probieren geht über Studieren?

Über den Nutzen von Weiterbildungsstudiengängen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten

Von Christopher Bahn

Aus der Wirtschaft und von Seiten der Studieninteressierten häufen sich die Klagen über die unübersehbare Zahl an Weiterbildungsstudiengängen, die einen Vergleich der Abschlüsse und Inhalte unmöglich mache (1). Ein Blick auf die Zahlen scheint ihnen Recht zu geben: Gab es 2005 schon 1044 Weiterbildungskurse und –studiengänge allein an den Universitäten (2), so finden sich heute in diesem Bereich alleine auf der Homepage der Berner Fachhochschulen mehrere Hundert Einträge. Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen sind die Hochschulen weiterhin bestrebt, diesem enormen Angebot weitere Kurse hinzuzufügen. Für Politiker, Unternehmer und Studieninteressierte stellt sich daher berechtigt die Frage, ob sich das Berufsleben tatsächlich so dramatisch geändert hat, um die Vielzahl an Weiterbildungsmöglichkeiten zu rechtfertigen. Eine Antwort darauf findet sich in den Aussagen der Personalchefs grosser Unternehmen zur Entwicklung Ihres Weiterbildungsbudgets angesichts der Wirtschaftskrise (3): So haben nur 50% der international tätigen grossen Unternehmen in Europa ihr Weiterbildungsbudget verkleinert. In der Weiterbildung sollen neben Fachkenntnissen vor allem die persönlichen Kompetenzen geschult werden. Aufgrund sich ständig wechselnder Aufgaben und Teams seien Schlüsselqualifikationen wie lebenslanges Lernen und soziales Einfühlungsvermögen heute unverzichtbar, so die einhellige Meinung von Bildungsforschern und Personalverantwortlichen (4). Der starke Bezug von Weiterbildungsstudiengängen auf die Praxis kommt hier den Studierenden und der Wirtschaft zugute: Teilnehmende mit unterschiedlichen beruflichen und Lebenserfahrungen müssen innerhalb eines Klassenverbandes und häufig auch in Kleingruppen praxisnahe Lösungen für branchentypische Problemstellungen erlernen oder selbst erarbeiten und erwerben damit neben Fachkenntnissen auch soziale Kompetenzen. Der Besuch von Weiterbildungskursen und –studiengängen gibt daher häufig den Ausschlag für die Auswahl von geeigneten Stellenbewerbern (5). Insbesondere Kaderpositionen werden heute vielfach mit Akademikern anstatt mit Personen mit KV-Abschluss besetzt (6). Ein (Weiterbildungs-) Studium ist sicherlich kein alleiniger Garant für eine anspruchsvolle Position. Ein grundsätzlich geeigneter Bewerber kann jedoch durch eine Weiterbildung genau die Zusatzqualifikationen erwerben, die im schwierig bleibenden wirtschaftlichen Umfeld im Unternehmen gefragt sind. Die passgenaue Zuschneidung von Weiterbildungsangeboten und damit auch eine mengenmässige Ausdifferenzierung des Angebotes kommt daher den Studierenden, aber auch den Unternehmen und der Volkswirtschaft letztendlich zugute, auch wenn die Übersichtlichkeit darunter leidet. Eine stärkere Regulation durch die Politik erscheint daher eher kontraproduktiv (7).

Dr. Christopher Bahn ist Oberassistent bei CUREM am Institut für Schweizerisches Bankwesen an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich.

1 Widmer, Michael: Politiker fordern mehr Kontrolle im Weiterbildungs-Dschungel, Tagesanzeiger vom 19.12.2009; Sigrist, Daniela: In der Krise blüht der Weiterbildungsdschungel, Tagesanzeiger vom 14.4.2009.

2 Reichert, Sybille (2006): Universitäre Weiterbildung in der Schweiz. Bestandsaufnahme und Perspektiven im europäischen Vergleich, Eidgenössisches Staatssekretariat für Bildung und Forschung.

3 Klaffke, Oliver: Weiterbildung: Schritt für Schritt nach oben, Bilanz vom vom 9.10.2009.

4 Klaffke, Oliver; Simscha, Claudia: Karriere und Zukunft: Schlüsselkompetenzen – Gute Arbeit statt toller Titel, Bilanz vom 12.10.2007.

5 Klaffke, Oliver: Weiterbildung: Bausteine des Erfolgs, Bilanz vom 12.10.2007; Schäfer,Ansgar: Jahrmarkt der Eitelkeiten, htr hotel revue vom 3.6.2010

6 Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung: Bildungsbericht Schweiz 2010.

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