Alles Master oder was?

Weiterbildungstrends für die kommenden Jahre

Teil 4 – «SIB Bildungsserie»

Unser Bildungssystem ist vielfältig und reich; kaum einen Bildungsabschluss, von dem aus man sich nicht weiter entwickeln kann. Man spricht daher in Bildungskreisen vom Prinzip: Kein Abschluss ohne Anschluss. Wer maximale Bildungsmobilität ermöglicht, fördert damit auch die horizontale (neue Arbeit auf gleicher Stufe) als auch vertikale (Arbeit auf höherer Hierarchiestufe) berufliche Mobilität.

Von Dr. Peter Petrin, 29.12.2007

Das duale Bildungssystem der Schweiz
Die Stärke des schweizerischen Bildungssystems ist, dass es nicht nur einen einzigen Weg «nach oben» gibt. Bei uns finden sich auch sehr viele Nicht-Akademiker in verantwortungsvollen Schlüsselpositionen der Wirtschaft. Das rührt daher, dass wir grundsätzlich zwei Bildungsstränge besitzen, die zu hohen Qualifikationen führen. Wir kennen einerseits die Hochschulbildung und andererseits die Höhere Berufsbildung. Beide Stränge erzeugen qualifizierte Fach- und Führungskräfte, die Wertschätzung in der Wirtschaft geniessen. Inhabern einer gymnasialen oder einer Berufsmaturität steht die Hochschulbildung offen; sei es an universitären, pädagogischen oder Fachhochschulen. Dieser Bildungsweg ist auch jenseits unserer Grenzen verbreitet. Die Umsetzung des Bologna-Systems mit den drei Stufen Bachelor, Master und Doctor hat das Hochschulsystem gar weitgehend standardisiert.
Typisch schweizerisch ist, dass sich auch Inhabern eines Fähigkeitszeugnisses (Lehrabsolven-tinnen und -absolventen) eine Fülle an Weiterbildungsmöglichkeiten bis zu sehr anspruchsvollen Qualifikationen eröffnet: Man spricht von der höheren Berufsbildung. Lehrabsolventinnen und -absolventen können mit entsprechender Berufspraxis sog. Berufsprüfungen zu eidg. Fachausweisen und darauf ansetzend sog. höhere Fachprüfungen zu eidg. geschützten Diplomen ablegen. Bekannte Berufsprüfungen sind Marketingplaner/innen, Fachleute Finanz- und Rechnungswesen, Treuhänder/innen mit eidg. Fachausweis. Auf Stufe höhere Fachprüfung kennt man beispielsweise dipl. Verkaufsleiter/innen, dipl. Experten/innen in Rechnungslegung und Controlling oder dipl. Wirtschaftsprüfer/innen gut. Das sind alles keine Hochschulabschlüsse; niemand bezweifelt aber deren hohes Qualifikationsniveau und die Einsatzfähigkeit im angestammten Berufsfeld. In der Schweiz kann man sich zu einer hervorragenden Fach- und Führungskraft weiterbilden, auch wenn man in der Jugend keine Matura absolviert hat und ohne eine Hochschule besucht zu haben. Die höhere Berufsbildung ist im Vergleich zur Hochschulbildung gleichwertig aber bewusst andersartig. Das ist eine Stärke der Schweiz. Die höhere Berufsbildung verhindert dadurch, dass sie stark auf die Berufspraxis ausgerichtet ist, berufliche Fehlorientierungen. Es gibt auch in der Schweiz zahlreiche Jungakademiker mit Berufseinstiegsproblemen. Wer sich im Rahmen der höheren Berufsbildung entwickelt, kennt dieses Problem nicht.

Wohin geht die Reise?

Aufgrund der vorangehenden Ausführungen überrascht es, dass die höhere Berufsbildung unter Druck steht. Dies dürfte eine Folge der Globalisierung sein. Wie oben angeführt, wurde unter dem Code-Wort «Bologna» ein relativ einheitlicher Hochschulraum Europa geschaffen. Die Medienabdeckung dieser Entwicklung ist enorm hoch. Anders ergeht es der höheren Berufsbildung, die in der Presse kaum je thematisiert wird. Worüber nicht geschrieben und gesprochen ist, das geht in einer schnelllebigen Zeit rasch vergessen. Dieses Schicksal kann auch strategische Erfolgspositionen ereilen. Die höhere Berufsbildung hat den scheinbaren Nachteil, dass es sie im Unterschied zur Hochschulbildung im Ausland nicht gibt. Wenn die OECD von «Higher Education» spricht, meint sie ausschliesslich die Hochschulbildung. Was für die übrigen europäischen Staaten stimmt, stimmt jedoch nicht für die Schweiz! Die höhere Berufsbildung muss als Teil der höheren Bildung verstanden werden und dafür lohnt es sich einzustehen. Die schweizerische Volkswirtschaft profitiert davon, dass sie in vielen Industriezweigen eine Differenzierungs- und nicht eine Angleichungsstrategie (Me-too-Strategie) verfolgt. Wer das gleiche tut, wie alle anderen, wird sich kaum (positiv) abheben können. Auf das Bildungssystem übertragen bedeutet das, dass wir unser Bildungssystem durchaus mit dem europäischen kompatibel gestalten müssen. Wir müssen die Bildungsstandards und Qualifikationen vergleichbar machen. Aber das bedeutet nicht, dass wir alle Bildungswege und -verläufe kopieren oder standardisieren sollen.

Folgende miteinander zusammenhängenden Weiterbildungstrends werden uns beschäftigen:
1. Eine Verhochschulung
2. Eine Verlagerung innerhalb der höheren Berufbildung in Richtung höhere Fachschulen und eine verstärkte Handlungsorientierung

Man mag dazu stehen, wie man will. Die Anzahl Hochschulabsolventen wird weiter zunehmen. Nicht nur, weil die Menge an Maturanden weiter anwächst, sondern auch weil diverse Berufsverbände die höhere Berufsbildung partiell verlassen und das Heil in der Hochschulwelt suchen. So werden einige Berufs- und höhere Fachprüfungen durch Bachelor- und Masterstudiengänge an Fachhochschulen abgelöst werden. Dies unter dem Titel der Zukunftssicherung. Dieser Entwicklung darf man durchaus kritisch gegenüber stehen. Die höhere Berufsbildung zeichnet sich durch die hohe Praxisorientierung und unmittelbare Einsatzfähigkeit im Beruf aus. Ob das an Hochschulen in gleichem Masse möglich sein wird, ist fraglich. Denn die Fachhochschulen nähern sich den Universitäten an und ihre vielfach beschworene Praxisnähe ist oft bloss deklaratorischer Natur. Weiteren Vorschub für eine Akademisierung leistet die unglaubliche Dichte an Master-Programmen. Es ist durchaus so, dass sich hier das Angebot eine Nachfrage schafft. Ob der Arbeitsmarkt die Fülle an Masterabsolventen wird absorbieren können, ist ungewiss. Es ist nicht auszuschliessen, dass wir in wenigen Jahren zu viele «Häuptlinge» und zu wenige «Indianer» haben werden.
Die höhere Berufsbildung verliert aufgrund der zunehmenden Akademisierung wohl an Gewicht. Sie ist aber keinesfalls todgeweiht, wenn sie ihre Stärken kultiviert. Praxistauglichkeit und solides «Handwerk» werden auch in Zukunft sehr wichtig sein. Wer nach einem Bildungsabschluss nicht nur weiss, was zu tun wäre, sondern es auch tun kann, bleibt wertvoll. Bereits heute laufen viele Bemühungen in der höheren Berufsbildung dahin, die Handlungskompetenz der Absolventinnen und Absolventen weiter zu schärfen und vertiefen. Handlungskompetenz basiert natürlich nicht nur auf fundiertem Fachkönnen; soziale Fähigkeiten werden künftig im Beruf noch erfolgskritischer sein. Sozialkompetenzen lassen sich besser in schulischen Arrangements entwickeln. Dies ist der Grund für eine Verlagerung innerhalb der höheren Berufsbildung: Höhere Fachschulen – nicht zu verwechseln mit Fachhochschulen – werden künftig gewisse Berufs- und höhere Fachprüfungen ersetzen oder ergänzen.

Fazit
Die Schweiz wird akademischer. Die Chancen von Nicht-Akademikern, verantwortungsvolle Positionen in Verwaltung und Wirtschaft zu übernehmen, bleiben intakt. Es ist den Nicht-Akademikern zu wünschen, dass sie den Akademikern gegenüber etwas selbstbewusster auftreten. Das schreibe ich als Akademiker und Bildungsexperte.

Dr. Peter Petrin ist Direktor des SIB Schweizerisches Institut für Betriebsökonomie (peter.petrin@sib.ch). Das Institut ist seit 1963 Adresse für Führungs- und betriebswirtschaftliche Aus- und Weiterbildung: www.sib.ch.

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