Absicht verlangt Tatbeweis

Verantwortungsvolle Unternehmensführung

Verantwortliche der momentanen wirtschaftlichen Krisen können nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Es braucht aber Antworten und Systemmechanismen, die das Wegstehlen aus der Verantwortung verhindern. Die Besten haben es längst begriffen: Verantwortung hat langfristigen Wert.

von Bernhard Bauhofer (*)

Die ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends – bereits als «Dekade der Hölle» bezeichnet – verdeutlichen angesichts der aktuellen Krise vielerlei Herausforderungen. Auf das Gebot, dass eine derartige Katastrophe nie mehr passieren darf, folgt die Suche nach den Verantwortlichen. Man mag versucht sein, die Ursachen auf Sachzwänge des globalen Systems zu schieben und damit die individuelle Verantwortung und Verantwortlichkeit der einzelnen Akteure herunterzuspielen. Wer ist in letzter Konsequenz für den Finanz-Tsunami und die Kollateralschäden der Krise wie die Welle von Selbstmorden, die sich in französischen Konzernen aufgrund des unerträglichen Drucks ergeben haben, zur Verantwortung zu ziehen? Wer trägt Verantwortung für die illegalen Überwachungen und Abhörungen der Mitarbeiter in den Konzernen und die grassierende Korruption? Mit der Verurteilung ehemaliger Siemens Top-Manager wurde zumindest bei Letzteren ein Zeichen gesetzt.

Fehlende Verantwortung und Verantwortlichkeit führen zu Wut, Frustration, Resignation und einem massiven Vertrauensverlust bei Kunden, Investoren und Anspruchsgruppen. Eine Studie des New Yorker Think Tanks «Centre for Work-Life Policy» hat ergeben, dass zwischen Juni 2007 und Dezember 2008 der Anteil der Mitarbeiter, die ihrem Arbeitgeber Loyalität zollen, von 95% auf 39% gefallen ist; die Anzahl, die Vertrauen bekunden, fiel von 79% auf 22%. Auch in Europa muss sich die Wirtschaftselite den Vorwurf gefallen lassen, für diesen Wertesturz verantwortlich zu sein.

Gefährliche Grauzone
Um einen Manager oder Mitarbeiter für sein Handeln zur Verantwortung ziehen zu können, muss seinem Verhalten eine Entscheidungsfreiheit zugrunde gelegt werden können. Doch im globalisierten Kapitalismus entstehen vermehrt neuartige Gebilde, sogenannte Hybrid-Unternehmen, die in der Grauzone zwischen Privatsektor und öffentlicher Hand operieren, unkontrolliert wachsen, eine Eigendynamik entwickeln und durch ihre Marktmacht einen entscheidenden Einfluss auf die Wirtschaft und den Staat gleichermassen ausüben. In solchen Gebilden besteht die Geschäftsleitung mehr aus Bürokraten als aus Managern, die im wahrsten Sinne des Wortes die Geschicke des Unternehmens aktiv managen. Konglomerate wie «Dubai World», eine von drei grossen Holdingfirmen, unter deren Dach zahlreiche andere staatliche Firmen der Vereinigten Arabischen Emirate operieren, werden als staatskontrolliert, staatsunterstützt, quasi staatlich oder parastaatlich bezeichnet. Ihr Verhalten ist schwer vorherzusagen und sie werden für den Staat und den Steuerzahler zum Klumpenrisiko, das wegen des «Too big to fail»-Arguments und der Systemrelevanz nicht mehr zu beseitigen ist. Mit fatalen Folgen: Mit der Bitte an die Gläubiger um einen Zahlungsaufschub hat die mit 60 Milliarden Dollar verschuldete Dubai World nicht nur die Welt geschockt, sondern der Reputation ganz Dubais schwer geschadet. In Europa sind diese Bastarde unter den Unternehmen gerade in Frankreich beliebt, weil sie dem Volk vermeint-liche Sicherheit vor «Heuschrecken» und Konkurrenz aus dem Ausland bieten. In Deutschland ist der Fall «Opel» ein Beispiel für die unselige Verquickung von Staats-, Unternehmens- und Gewerkschaftsinteressen. Nicht zuletzt verzerren subventionierte Konzerne, halb- oder parastaatliche Konglomerate den globalen Wettbewerb massiv und erschweren in letzter Konsequenz die Bestimmung der Verantwortlichen.

Verantwortung im Zeitgeist
Unbeeinflusst von diesen ordnungspolitisch besorgniserregenden Entwicklungen in den Unternehmen suchen Konsumenten nach verantwortungsbewussten, ethisch agierenden Unternehmen. Auch in der grössten Wirtschaftskrise seit der grossen Depression haben mehr und mehr Menschen ökologisch vorbildliche Produkte konsumiert. Aus dem Dreiklang der Nachhaltigkeitsunternehmen «sozial, ökologisch, wirtschaftlich» entstand so die knackige Variante «profit, planet, people». Doch die Erwartungen der Menschen an die Unternehmen gehen über den ökologischen Aspekt hinaus. Sie wollen Charaktere, die hinter ihrem Unternehmen stehen und mit ihrem eigenen erarbeiteten Geld investiert sind. Sie vertrauen Persönlichkeiten, die ehrlich und echt sind und das Heft selbst in die Hand nehmen. Wer derart ein Unternehmen und seine Kultur verkörpert, der zieht automatisch Kunden und Mitarbeiter an.

Das Verantwortungsdilemma
Verantwortung und Verantwortlichkeit sind nicht nur im Trend bei den Konsumenten und Mitarbeitern, sondern bedeuten für den Unternehmer eine Bürde. Zum einen ist er nicht selten mit dem Grossteil seines Vermögens im Unternehmen investiert, hat oft eine dünne Kapitaldecke und leidet unter dem Kreditmangel, den die Banken mitverursacht haben. Auf der anderen Seite stehen die Verantwortung gegenüber seiner Familie und die Verpflichtung, das Familienvermögen über Generationen hinweg abzusichern. Verantwortung zu übernehmen kann dabei schwerwiegende finanzielle Folgen haben und Hohn und Spott nach sich ziehen, wie das Beispiel Arcandor zeigt. Die einstige Milliardärin Madeleine Schickedanz griff ihrem in Schieflage geratenen Unternehmen unter die Arme und verlor dabei ihr Vermögen. Ihr Verhalten wurde nicht als ehrenwert, sondern als dumm bezeichnet. Tagtäglich wägen Patrons unternehmerische und private Interessen ab. Eine weitere zentrale Verantwortung im Sinne der Corporate Governance ist die frühzeitige Bestimmung des Nachfolgers, da der wichtigen Kontinuität in der Geschäftsführung stets die Abhängigkeit des Unternehmens vom Patron gegenübersteht. In der Nachfolge ist somit eines der grössten Reputationsrisiken für inhabergeführte Unternehmen auszumachen.

Fazit: Verantwortung muss in seiner Vollständigkeit wieder wahrgenommen werden. Im Handeln und im Unterlassen von Handlungen. Wenn wir aus der «Krisengesellschaft» in eine Chancengesellschaft übergehen wollen, dann muss Verantwortlichkeit wieder das zentrale Prinzip unternehmerischen Handelns werden. Hoch bezahlte Manager dürfen sich nicht mehr einfach wegstehlen und dabei gar eine Abfindung kassieren, wenn das Unternehmen vor dem Untergang steht. Der Patron dient in ethischer Hinsicht als Vorbild. Sein Wertgefüge muss er jedoch den Gegebenheiten der globalisierten Märkte anpassen.

(*) Bernhard Bauhofer ist u.a. Gründer und Managing Partner von Sparring Partners (www.reputationmanagement.ch).