Netzgesellschaft: Dem Information Overload trotzen

Vernetzte Unternehmen der Zukunft

Das Internet durchdringt alle Bereiche unseres Lebens und verändert Gesellschaft, Ökonomie und Kultur. Es ist ein selbstverständlicher Tagesbegleiter, beruflich wie privat. Die Grenze zwischen Arbeitswelt und Privatleben wird zunehmend durchlässiger – mit all ihren Vor- und Nachteilen. Zwei Schlüsseltrends des digitalen Wandels verändern den Umgang mit Wissen und Kommunikationsstrukturen im Unternehmen grundlegend.

Von Janine Seitz (*)

Auf die Weisheit der Vielen zu setzen ist kein Hype mehr; Crowdsourcing ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Unzählige Open Innovation-Plattformen lassen neue Produkte von Laien mit entwickeln, bekanntestes Beispiel ist Tchibo Ideas (www.tchibo-ideas.de). Die Plattform will innovative Köpfe zusammenbringen, die zusammen Produktideen entwickeln und vorantreiben wollen frei nach dem Motto: «Gemeinsam gedacht, besser gemacht!»

Während Unternehmen Kundenmeinungen im Social Web immer mehr Gehör entgegenbringen und Kunden in Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse einbeziehen, spielt Crowdsourcing im Unternehmen momentan noch eine untergeordnete Rolle. Zu sehr sind Unternehmensstrukturen dem Denken in Abteilungen und Berufsgruppen verhaftet.

Crowdsourcing bedeutet, Prozesse im Unternehmen offenzulegen und transparent zu machen, sodass alle Mitarbeiter an Innovations- und Entscheidungsprozesse teilhaben können. Crowdsourcing funktioniert über interne Kollaborations- oder Kommunikationsplattformen, auf denen sich die Mitarbeiter austauschen, Probleme benennen, Lösungsvorschläge einbringen oder neue Ideen präsentieren. Diese werden dann nicht nur vom Chef oder der Chefin, sondern auch von anderen Mitarbeitern bewertet.

Moderner Ideenhandel
Der Automobilhersteller Ford setzt z.B. auf internes Crowdsourcing. Um das Fortbewegungsmittel von morgen zu kreieren, nutzt Ford eine kollaborative Prognoseplattform. Auf dieser wird eine Börsensituation simuliert, um unternehmensinterne Erhebungen zum Marktpotenzial neu entwickelter Produkte durchzuführen.

Mitarbeiter in den USA und Europa bewerten Innovationen, handeln mit ihnen wie an einer Börse, je höher das Interesse an einer «Innovationsaktie», desto höher ist ihr Börsenwert.

Der Automobilkonzern nutzt das kostengünstigere System des «Prediction Market» zusätzlich zu traditionellen Research-Methoden. Laut Ford haben 93% der firmeninternen Nutzer bereits neue Erkenntnisse durch die Plattform gewonnen.

Zeitsparend über Grenzen hinweg
LG Electronics Seoul nutzt Online-Kollaborations-Tools, um den Austausch von Informationen unabhängig vom Ort zu gewährleisten. Bei der Weiterbildung seiner weltweit verstreuten Mitarbeiter setzt der Elektronikhersteller auf Yammer, einen Microblogging-Dienst speziell für Unternehmen. Yammer funktioniert wie Twitter und wird für die interne Kommunikation eingesetzt. So wurde über Yammer gerade ein Weiterbildungsprojekt für Manager erarbeitet, die neu in einem Land sind, um sich auf die lokale Kultur und geltende Normen vorzubereiten. Noch vor einiger Zeit konnte sich die Erarbeitung eines solchen Weiterbildungskonzeptes für «Expats» über Wochen und Monate hinziehen. Info-Sharing und Kollaboration sind die Buzzwörter für ein erfolgreiches Unternehmen der Zukunft.

Viel ist nicht gleich besser
Digitaltechnologien sind in vielen Bereichen des Alltags nicht mehr wegzudenken, vereinfachen Freizeitgestaltung und Kommunikationsprozesse. Nie waren wir besser informiert, nie war es einfacher, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Und doch wird im WWW eine Datenmenge produziert, die kein Mensch mehr selektieren, geschweige denn verarbeiten kann.

Jeden Tag kursieren ca. 65000 neue Videos auf YouTube, 110 Millionen Tweets, 247 Milliarden E-Mails. Information Overload und Ausstieg aus dem Digitalen sind Schlagworte, welche die gegenwärtige Debatte prägen.

Einige der negativen Folgeerscheinungen des Netzes und des «always on» für Unternehmen und Mitarbeiter sind folgende: «Ausbrennen», totale Erschöpfung und Kraftlosigkeit, betrifft alle Altersklassen, Führungs- wie Aushilfskräfte in Unternehmen. Laut einer aktuellen Untersuchung ist die Zahl der psychischen Erkrankungen, die auf Stress im Job zurückzuführen sind, in Deutschland in den letzten elf Jahren um 80 Prozent gestiegen. Bereits drei Wochen nach einem Urlaub ist der Mitarbeiter im Durchschnitt wieder genauso gestresst wie zuvor. Prokrastination, auch «Aufschieberitis» oder Erledigungsblockade genannt, verzögert in andere Prozesse und ist kontraproduktiv. Aufgaben werden auf unbestimmte Zeit ver- oder zwischen einzelnen Personen hin- und hergeschoben. Produktionsverluste durch die «Unterbrechungskultur» (Miriam Meckel) sind enorm.

Der durchschnittliche Aufmerksamkeits-Slot für die Konzentration auf eine Sache liegt in den Büros von heute bei zweieinhalb Minuten.

Danach regiert die Unterbrechung – per E-Mail, Telefonanruf oder durch die Frage des Kollegen. Auf 650 Mrd. Dollar wird alleine in den USA der jährliche volkswirtschaftliche Schaden beziffert.

Klug selektionieren
Mit der Informationsfülle sinnvoll umzugehen, zählt zu einer der grossen Herausforderungen der nächsten Jahre. Das gilt für den einzelnen Menschen, aber auch für Unternehmen. «It’s not Information Overload. It’s Filter Failure», bringt es Clay Shirky, Bestsellerautor und Referent zum Thema Internet, auf den Punkt. Technische Lösungen, die Informationen filtern und nach Relevanz gewichten sollen, erleben momentan einen regelrechten Boom. Schon vor drei Jahren wurde in den USA die «Information Overload Research Group» gegründet, an der Unternehmen wie IBM, Microsoft, Intel und Xerox, die jahrelang die Informationsverbreitung im Netz vorangetrieben haben, beteiligt sind. Das ausgerufene Ziel: Informationsflut in Unternehmen eindämmen und helfen, die Produktivität jedes einzelnen Mitarbeiters zu erhöhen.

Abschied von der E-Mail
Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern Auszeiten von der «Jederzeit-Erreichbarkeit» und der E-Mail-Flut gönnen. Die Einführung von E-Mail-freien Tagen ist ein Lösungsversuch mit einem Haken: Diese Tage verlagern das Problem oft nur auf einen späteren Zeitpunkt. Langfristiges Ziel in Unternehmen muss es sein, über die E-Mail hinwegzukommen. Ein Unternehmen, das in dieser Hinsicht voranprescht, ist der IT-Dienstleister Atos Origin: Mit der Integration von Social Software in Form von Kommunikations- und Kollaborationsplattformen sollen die Mitarbeiter bereits in drei Jahren komplett auf E-Mail-Verkehr verzichten können.

Fakt ist: Die E-Mail hat ihre besten Zeiten bereits hinter sich. Kollaborationsplattformen, auf denen Ideen ausgetauscht und Informationen miteinander geteilt werden können sowie Learning Communities, die auf eine gleichberechtigte Kommunikation zwischen Menschen setzen, läuten ein neues Zeitalter der netzbasierten Kommunikation im Unternehmen ein.

(*) Janine Seitz, Kulturanthropologin (M.A.), ist am Zukunftsinstitut tätig und Co-Autorin der Studie «Die Netzgesellschaft». Mehr dazu unter:
www.zukunftsinstitut.de/verlag

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2 Kommentare

  1. RoHa sagt:

    Hat LG Electronics beim Einsatz von Yammer keine Bedenken bezüglich Datenschutz- und Sicherheitsproblemen?

    Ich vermute, dass es für Unternehmen in der Schweiz und Deutschland ähnliche Spielregeln geben dürfte http://rohablog.wordpress.com/2011/08/11/yammer-security_sind-firmendaten-bei-cloud-services-unsicher/

  2. [...] von Janine Seitz: „Netzgesellschaft: Dem Information Overload trotzen“ (online), in: Alpha – Der Kadermarkt der Schweiz, [...]

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