Coaching: Zukunft auf Augenhöhe entwickeln

Coaching-Leistungen einkaufen

Der Coachingmarkt in der Schweiz ist «hip», viele wollen dazugehören – aber längst nicht alle Coachs sind professionell genug, so das Urteil der Einkäufer von Coachingdienstleistungen bei Swiss Re, Swisscom und Credit Suisse. Eine Podiumsdiskussion der International Coach Federation (ICF) mit Vertretern dieser drei Unternehmen hat gezeigt: Professionelles Coaching ist ein zentrales Instrument zur Entwicklung von Top-Talenten. Dr. Beatrice Sigrist befragte dazu den Podiumsleiter Thomas Freitag.


Thomas Freitag (*)                  Dr. Beatrice Sigrist (**)

Thomas Freitag, wer ist ein guter Coach?
«Der professionelle Coach hat eine klare Haltung, ist fundiert ausgebildet und praxiserfahren. Er kann schnell eine Beziehung aufbauen und Vertrautheit mit dem Klienten herstellen. Hohe Scharfsinnigkeit und effektive Kommunikation helfen, Dinge auf den Punkt zu bringen und neues Handeln aus dem erlangten Bewusstsein abzuleiten. Diese analytische Kompetenz soll gepaart sein mit der Fähigkeit, jemandem Zugang zu Gefühlen zu ermöglichen, die in einer entsprechenden Situation vorhanden sind. Weitere Voraussetzungen sind ein reicher Werkzeugkoffer mit wirkungsvollen Fragen und die Bereitschaft und Fähigkeit, die Aufmerksamkeit immer wieder auf den Klienten und seine Verantwortung lenken zu können. Im Gegensatz zu einem Trainer oder Berater ist ein Coach kein Lieferant von Ratschlägen. Er bietet Hilfe zur Selbsthilfe an.

Oft verstehen Coachs ihr Handwerk gut, verkaufen sich jedoch schlecht. Das Verkaufen der eigenen Leistung gehört auch zur Professionalität.

In Anbetracht der Flut selbst ernannter Coachs im Markt setzen Berufsverbände wie die ICF auf Qualität. Weltweit wird die Professionalität der Mitglieder anhand von Coaching-Kernkompetenzen in der Ausbildung gefördert und praktisch überprüft. Ab 2013 dürfen sich nur noch zertifizierte Coachs Mitglied des ICF nennen. Auch in der Schweiz begrüssen Leiter von Coachpools diese Qualitätskriterien. Sie erhalten fast täglich Anfragen von Coachs. Wie kann ich aber als Vermittler von Coaching-Dienstleistung im Unternehmen jemandem (zu)trauen, ein wirklich professioneller Coach zu sein? Echtes Vertrauen in die Qualität des Coachs entsteht erst durch Feedbacks der Klienten. Darum ist und bleibt Mund-zu-Mund-Propaganda für einen Coach oder Coachingverantwortlichen sehr wichtig.»

Was bringt professionelles Coaching?
«Heute erhalten erfolgreiche Führungskräfte oft einen Coach zur Seite, um noch besser zu werden. Coachingbedürfnisse entstehen, weil Verhaltensveränderungen notwendig werden. Gemäss Boris Billing, Leiter People & Organizational Development bei der Swisscom, positioniert sich das Unternehmen anders am Markt, weil neue Produkte und Dienstleistungen verlangt werden. Dies bedingt andere Verhaltensweisen der Führungskräfte und Mitarbeitenden. Coaching ist ein wichtiges Instrument zur Erweiterung des Verhaltensrepertoires. Dieses Coaching wird von der Führungskraft als motivierend erlebt. Es wird als Investition des Unternehmens in seine Talente verstanden.»

Wie wichtig ist die sogenannte «Passung» des Coachs?
«Gesucht sind starke Persönlichkeiten, die im Umfeld der Unternehmen bestehen können. Einkäufer von Coaching suchen nach Coachs, die zur Unternehmenskultur passen. Es gilt, bereits beim ersten Treffen den Klienten zu überzeugen. Dies geschieht z.B. durch Feldkompetenz: Weiss der Coach, wie Banking funktioniert? Kennt er ökonomische Zusammenhänge? Weiss er, wie sich der Markt bewegt? Kurz: Kann sie oder er Fragen beantworten, bevor es ans Eingemachte geht? So formulierte es Jan Schlüter, ehemaliger Leiter Executive Development Leadership Institute der Credit Suisse am Podium. Die Erwartung an den Coach ist, dass er bereits im Erstgespräch entscheidende Fragen stellt.»

Geht es für den Coach um die Kompetenz, Augenhöhe herzustellen?
«Ein akademischer Abschluss und systemisches Denken sind vielerorts Markteintrittskriterien, doch das Differenzierungskriterium bleibt die Augenhöhe. Gesucht werden Charisma, Authentizität und Leute, die den Unterschied ausmachen. Das Kriterium ist: Wird der Klient herausgefordert? Wird er aufgerüttelt? Stellt ein Coach ein Gegenüber dar, das eine Meinung hat, konstruktiv hinterfragt, das Ängste des Klienten und die eigene Angst aushalten kann? Hierfür setzen Unternehmung auf Diversität, auf Menschen mit reflektierten Erfahrungen, auf Persönlichkeiten, die breite Business- und Führungserfahrung mit psychologischer Tiefe zusammengeführt haben.»

Was ist der Erfolgsfaktor bei der Einführung von Coaching in Unternehmen?
«Credit Suisse, Swisscom und Swiss Re beispielsweise haben Coaching als Entwicklungsmassnahme für Talente positioniert. Bei Swiss Re und Swisscom hat Human  Resources die Einführung getrieben mit Rückhalt der Linie weit oben in der Hierarchie. Bei der Credit Suisse verhalfen Linienverantwortliche dem Coaching zum Durchbruch. Jan Schlüter illustrierte, wie das Projekt von einem hochrangigen CS-Manager initiiert wurde, der bekannte: ‘Ich habe selbst ein Coach gehabt. Das war für mich wichtig. Ich weiss, dass das gut für meine Leute ist. Wir machen etwas nach dem Motto: Jeder Gute kann noch besser werden.’ Dabei wurde mit dem Bild von Roger Federer gearbeitet, der als Top-Tennisspieler auch einen Coach hat. Und in der Anfangsphase war es wichtig, dass Linienverantwortliche gesagt haben: ‘Wir brauchen das. Wir brauchen das in einer gewissen Phase der Unternehmensentwicklung. Wir stellen Budget zur Verfügung und jeder der denkt, einen Coach zu brauchen, kann einen haben.’ Entscheidend war der Nutzen der ersten Coachings für Direktionsmitglieder, und dazu brauchte es professionelle Coachs.»

Wie überzeugen die Leiter von Coachpools ihr kritisches GL-Mitglied, das da fordert: Bringe mir einen Coach, aber einen richtigen!
«Claudia Bennewitz von Swiss Re, die heute selbst als Coach arbeitet, resümierte die Ausgangsfrage so: ‘Kann ich mir vorstellen, dass dieser Coach ein Gegenüber für den Klienten ist? Kann er sowohl auf der intellektuellen wie auch auf der emotionalen Ebene herausfordern?’ Passt der Coach nach ihrer Einschätzung zu einer Führungskraft, empfiehlt sie ihn: ‘Ich kenne einen Coach, den ich mir für Sie vorstellen kann. Ich habe mit ihr gearbeitet und bin überzeugt, dass sich die investierte Zeit lohnen wird. Sie wird aber auch Ihre Frustrationstoleranz fordern. Es wird auch unangenehm werden – können Sie sich auch darauf einlassen?»

(*) Thomas Freitag, Präsident der International Coach Federation Schweiz (thomas.freitag@coachfederation.ch).
(**) Dr. Beatrice Sigrist (beatrice.sigrist@coachfederation.ch) befragte lic.oec.

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